Alleinerziehend besser Wohnen – Dialogkonferenz in Köln

von Bettina Noesser, Mitglied im Netzwerk NWgWB

Schlafen Sie gerne in der Küche?

Mit diesem aufrüttelnden Postkartenmotiv einer Wohnküche mit dem Bettlager einer alleinerziehenden Mutter und weiteren ansprechenden wie sensibilisierenden Bildern, Grafiken, Texten und songs! (s. https://alltagsheldinnen.org/ ) engagiert sich die junge Stiftung Alltagsheld:innen in Bund, Ländern und Kommunen für die Rechte von Alleinerziehenden – immerhin mit 2.8 Mio Alleinerziehenden ca. 1/5 aller Familien in Deutschland. Die Motive verweisen auf das beschwerliche, oft notvolle oder auch ungerecht benachteiligte Alltagsleben von Ein-Eltern-Familien, was besonders im allgegenwärtigen Wohnungsnotstand kulminiert.

Die Konferenz „Wohn(t)räume für Alleinerziehende – Wege aus der Wohnungsnot in Köln“ bot einen bunten Strauß an Interviews, Impulsen und Projektvorstellungen. In Arbeitsgruppen aus einem bunt-gemischtem TeilnehmerInnenkreis von Fachleuten, Politik, Verwaltung, Berater- und Planer:nnen, ehrenamtlich Engagierten und Betroffenen wurde engagiert diskutiert.

Heidi Thiemann, Stiftungsgründerin und ehemalige Alleinerziehende bezeichnete im Interview zu Beginn aus eigener Erfahrung das gute Wohnen für Ein-Eltern-Familien als „game-changer“  – und am besten sei das Wohnen in Gemeinschaft!

Die Kölner Gleichstellungsbeauftragte Julia Peddersen, ebenfalls alleinerziehende Mutter, verwies eindringlich auf die Wichtigkeit des sozialen Umfeldes des Wohnens, weil von der solidarischen Unterstützung und Wohn-Sicherheit die soziale Integration und Bewegungsfreiheit der Mutter (und häufig auch der Kinder) wesentlich abhängig ist.

Die Kölner Bürgermeisterin Derya Karadaq servierte einen Impuls zum Thema „vom ehemaligen Wohnungs-Wesen der 50ger Jahre zum heutigen (liberalisierten) Wohnungs-Markt“. Sie skizzierte die uns heute märchenhaft erscheinenden Bedingungen in den Zeiten des Wiederaufbaus, als man in Köln als Familie mit Raumbedarf noch zum Wohnungsamt ging und alsbald aus dem städtischen Bestand eine Wohnung zugewiesen bekam, während Staat und Kommune heute der Wohnungsnot ohnmächtig gegenüberstehen und dies insbesondere für Alleinerziehende Unsicherheit, Diskriminierung, Alleingelassen-Sein und hohes Armutsrisiko (mit über 43% die am höchsten von Armut bedrohte Bevölkerungsgruppe) bedeute.

Britta Körschgen, Wohnprojekte-Beraterin und „Referentin für gutes Wohnen“ der Stiftung, blickte über den deutschen Tellerrand und zeigte mancherlei bewährte Konzepte zur Verbesserung der Wohnungsmisere für Ein-Eltern-Familien – so beispielsweise aus Luxemburg, wo Sozialwohnungen grundsätzlich vorrangig an AE vergeben werden.

Sie stellte das „Bündnis Gutes Wohnen für Alleinerziehende“ vor, an dem mind. 15 Organisationen beteiligt sind und das auf allen Ebenen kommunal bis bundesweit kommuniziert wird. 5 Hauptziele mit 26 Handlungsempfehlungen sollen die oft unsichtbaren Benachteiligungen und Nöte von Ein-Eltern-Familien ins Sichtfeld der Gesellschaft tragen.

Insbesondere verwies sie aber auch auf das wachsende Problem „Einsamkeit“, von dem Alleinerziehende mit 22% die am häufigsten betroffene Bevölkerungsgruppe bilden, wenn sie z.B. wegen einer Trennung aus dem vorher bekannten Umfeld wegziehen müssen oder auch aufgrund der care-Arbeit zuhause keine Chance auf eine soziale Integration innerhalb der Berufstätigkeit oder sonstigem Sozialleben z.B. am Abend haben. Aus dem Mund einer alleinerziehenden Mutter: „am schlimmsten ist es im Winter nach 17Uhr, wenn es dunkel ist, alle zuhause sind und die Kinder durch die Decke gehen….“

Abgerundet wurde der Impulsteil der Konferenz durch best practise – Beispiele: konkret plant die Stiftung in Solingen auf einem zentral gelegenen großen Hang-Grundstück einen modellhaften Neubau mit 10 suffizient und als Sozialwohnungen auf die Bedarfe von Ein-Eltern-Familien zugeschnittenen WE, Gemeinschafts-Räumen und -Garten,– gutes, bezahlbares und sicheres Wohnen in genossenschaftlicher Struktur.

Im 2. Dialog-Teil der Konferenz verteilten wir uns in Kleingruppen zu den 5 Bündniszielen. Im Brennpunkt stand die Frage:  Was können wir jeweils konkret vor Ort tun?

Die abschließende Zusammenführung der erarbeiteten Ergebnisse brachte wichtige Merkpunkte und Anregungen – einige auch für die Wohnprojekte-Szene:

  • Ein-Eltern-Familien sind für inklusive Wohnprojekte mit einem Anteil von geförderten Wohnungen eine interessante Zielgruppe, weil sie eine besonders benachteiligte, aber junge Gruppe darstellen und von Gemeinschaftsangeboten besonders profitieren
  • Ein-Eltern-Familien würden auch von offenen Gemeinschaftsräumen im Quartier besonders profitieren – die Idee von solchen Angeboten in minder-/ungenutzten Immobilien (Gewerbe, zu sanierende Altbauten, kirchl. Gebäude, Zwischennutzungen etc) auch unabhängig vom Wohnen würde darüberhinaus vielen im Quartier z.B. auch in beengten Wohnverhältnissen oder von Einsamkeit Betroffenen zugutekommen
  • Mehr Sichtbarkeit des Themas auf allen Ebenen, mehr Wissen über die spezifischen Probleme und Bedarfe und mehr Kooperationen zwischen professionellen Beratungsträgern (z.B. InVia und ZentralE in der Südstadt) und zivilgesellschaftlichen Gruppen, Vereinen, Wohnprojekten – wie z.B. auch in und um das Netzwerk Gemeinschaftliches Bauen und Wohnen! – könnten manche konkrete Verbesserung bewirken und Notlagen lindern helfen.

Viele Fäden wurden gesponnen und zusammengeführt – wollen wir hoffen, dass daraus tragfähige Seile und Netze werden…

Für dich vielleicht ebenfalls interessant …