Möglichst experimentell – aber im sicheren Rahmen

Kooperation zwischen Projektgruppe und Wohnungsbauunternehmen

„Ich brauche Sie mit Ihren wilden, manchmal wirren Ideen“ – mit diesen Worten erntete Hagen Schröter einige Lacher in einem Workshop auf dem Zusammen Leben Festival am 20. Juni in Stuttgart. Der Geschäftsführer der Esslinger Wohnungsbau (EWB) GmbH adressierte mit diesem Satz Marco Gölz und Irene Gölz von der Projektgruppe AlWo 1. Die aus dem Verein Alternatives Wohnen Esslingen e.V. entstandene Gruppe und die EWB GmbH sind eine innovative Kooperation eingegangen: sie haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam ein gemeinschaftliches Wohnprojekt zu planen und zu realisieren.

Workshop “Gemeinsam Quartiere von morgen gestalten” auf dem Zusammen Leben Festival, Foto: Christine Philippsen

Das Wohnprojekt Kettenhaus 1 entsteht auf dem Tobias-Mayer-Quartier (TMQ) in Esslingen. Das gesamte Quartier wurde als Projekt der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) ausgewählt. In ihrem Wohnprojekt möchte die Gruppe AlWo 1 ihre Vision einer generationenübergreifenden, solidarischen Gemeinschaft verwirklichen. Dass die zukünftigen Mieten dauerhaft bezahlbar bleiben, wird durch die Angliederung an das Mietshäuser Syndikat abgesichert. Die Finanzierung des Projekts erfolgt zu einem großen Teil über Direktkredite sowie öffentliche Förderung, d.h. die zukünftigen Bewohner:innen müssen kein Eigenkapital einbringen.

Derzeit umfasst die Projektgruppe ca. 45 Personen; d.h. die Hälfte der zukünftig anvisierten Bewohnerzahl. Geplant werden 41 bis 42 Wohneinheiten in vier zu einer Kette verbundenen Häusern. Beratend begleitet wird die Projektgruppe vom Architekturbüro StudioVlayStreeruwitz ZT-GmbH aus Wien und der STADT BERATUNG Dr. Sven Fries GmbH. Das architektonische Konzept schafft mit anpassungsfähiger Grundrissgestaltung und verschiedenen Wohnformen, wie z.B. Clusterwohnungen und WGs, flexible und bedarfsgerechte Lösungen. Zudem soll die Architektur geringe individuelle Flächenbedarfe, Gemeinschaft und Treffpunkte im Inneren sowie eine Öffnung ins Quartier ermöglichen; letzteres durch öffentliche Nutzungen in den Erdgeschosszonen, wie einer KiTa.

Die Projektgruppe AlWo 1, Foto: alwo1.de

Sarah Wolf von der STADT BERATUNG Dr. Sven Fries GmbH, die den Workshop moderierte, interessierte, welchen Mehrwert die Kooperation zwischen AlWo 1 und EWB beiden Seiten bringe. Die Zusammenarbeit bedeutet für die Projektgruppe laut Irene Gölz eine „große Sicherheit“ und „dass wir durchhalten“. So hat die Gruppe „bei Problemen sofort Ansprechpartner“ bei der EWB. Darüber hinaus war das Grundstück schon zu einem frühen Planungszeitpunkt sicher, da die EWB GmbH Eigentümerin des Tobias-Mayer-Quartiers ist. Die Zusammenarbeit erfolgt in gemeinsamen Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten.

Zu erfahren und zu lernen, „dass man manchmal Dinge auch anders angehen kann, als man es gewohnt ist“, ist demgegenüber laut Hagen Schröter positiver Effekt der Kooperation. Und Marco Gölz fragt in dem Zusammenhang:

„Wie experimentell können wir unsere Planung machen, dass eine Esslinger Wohnungsbaugesellschaft da mitgeht?“

Als Beispiel führten alle den zunächst geplanten Bau einer Tiefgarage an. Letztlich konnte die Projektgruppe die EWB durch ihr Mobilitätskonzept überzeugen. So könnten für die Autos der Bewohner:innen statt dem Bau einer teuren Tiefgarage auch leerstehende Stellplätze in der Nachbarschaft angemietet werden.

Nach den Grenzen und Schwierigkeiten der besonderen Zusammenarbeit zwischen Profis und Laien gefragt, wird das unterschiedliche Arbeitstempo genannt. Während die Mitarbeitenden der EWB GmbH viel Arbeitszeit in das Projekt investieren können, bleibt den zukünftigen Bewohner:innen für die Planung nur ihre begrenzte Freizeit neben Job und Familienalltag. Für die Zusammenarbeit sind klare Absprachen für beide Seiten notwendig, damit es gelingen kann.

Die Kooperation zeigt, dass aus unterschiedlichen Denkweisen etwas Neues wachsen kann. Dies hat auch das Ministerium für Landesentwicklung und Wohnen Baden-Württemberg erkannt: Das Kettenhaus 1 wurde in das Förderprogramm „Patenschaft Innovativ Wohnen BW – Beispielgebende Projekte“ aufgenommen. Die Wohnraumoffensive BW sucht damit nach Blaupausen für gelungene Projekte – im Fall des Kettenhauses 1 für das Schließen einer Wissens– und Erfahrungslücke in der innovativen Zusammenarbeit zwischen klassischen Akteuren am Wohnungsmarkt und großen Wohnprojektgruppen.

Hier gibt es Infos zum Wohnprojekt Kettenhaus 1: https://alwo1.de/ und https://www.instagram.com/alwo1_esslingen/.

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