Die „Wohnkrise“ ist kein individuelles Problem mehr und bedroht die Demokratie

Buchvorstellung

Sebastian Kurtenbach, Sozialwissenschaftler aus Köln, bezeichnet die „Wohnkrise“ – so der Titel seines frisch erschienenen Buchs – als die „Mutter aller Krisen“. Deren gesellschaftliche Auswirkung sei bisher noch nicht soziologisch untersucht worden. „Was heißt das für eine Gesellschaft, wenn der Traum vom Eigenheim auch für die Mittelschicht unerreichbar ist“? Wir leben laut Kurtenbach in Zeiten einer „tiefgreifenden Verunsicherung“: In Köln reicht ein Drittel des verfügbaren Einkommens längst nicht mehr für die Miete, viele wohnen zwar besser als ihre Eltern, erwarten das aber nicht mehr für ihre Nachkommen. Köln ist übrigens besonders sozialräumlich ungleich. ¾ der 1.500 von Kurtenbach befragten Personen traut niemandem zu, dafür eine Lösung zu finden, das Thema wird so populistisch nutzbar. Es ist kein individuelles Problem mehr!

Foto: Almut Skriver

Das alltägliche Zukunftsversprechen „Wohnen“ wird infrage gestellt

Die stillschweigende Annahme aus der Nachkriegszeit, dass Rentner im abgezahlten Einfamilienhaus günstig wohnen, gilt in städtischen Mietwohnungen nicht mehr. Ältere erhalten keine Mietverträge, gleichzeitig wird – meist an über 50jährige – so viel Kapital vererbt wie verbaut wird. Immobilienbesitz ist sehr ungleich verteilt und sammelt sich bei wenigen an. Das führe zu „Zukunftspessimismus, sowohl in strukturschwachen Gebieten als auch in Ballungsräumen“ sagt Kurtenbach. Wohnen werde als „alltägliches Zukunftsversprechen infrage gestellt“. Die „staatliche Aufgabe, Sicherheit herzustellen wird zunehmend eingeschränkt“ – ständige Mikroenttäuschungen führen zu einem „Allmählichkeitsschaden“ und höhlen die Demokratie aus. In rechtspopulistischen Kreisen hofft man auf freie Wohnungen durch Abschieben von „Fremden“ und bezeichnet Gelder für den Klimaschutz als „Luftsteuer“, die das Wohnen künstlich verteuere.

Fehlannahmen führten zur Wohnkrise

Sebastian Kurtenbach hält drei Fehlannahmen in der Vergangenheit für ursächlich für die Wohnkrise: Die Annahme aus den 90er Jahren, dass Deutschland schrumpfe, führte zu weniger u. a. sozialem Wohnungsbau. Die spätere Zuwanderung zunächst aus der EU wurde unterschätzt. Die Annahme, dass die Städte nicht mehr wachsen würden, erwies sich als falsch. Die daraus gezogene Schlussfolgerung, dass es daher keine staatliche Aufgabe mehr sei, für bezahlbaren Wohnraum zu sorgen, war fatal. Die Wohngemeinnützigkeit wurde abgeschafft, Kommunen verkauften ihre Wohnungsbestände an Finanzinvestoren, Marktlogik wurde als Lösung angesehen und führte zur heutigen Wohnkrise.

Sebastian Kurtenbach und Sarah Brasack, KStA Foto: Almut Skriver

„Lösungen kosten viel Geld und dauern“

sagt Sebastian Kurtenbach, der weder „krasse Deregulierung noch Enteignungen“ für sinnvoll hält. Wichtig sei aber, sich jetzt Gedanken zu machen, wie mit der Wohnkrise in den nächsten 10 Jahren umgegangen werden kann und schnell entlastende Lösungen gefunden werden können: Ansätze wie „entlastende Quartiere“, wo Räume für gemeinschaftliche Aktivitäten, Spielen, Coworking angeboten werden, „Veedelswohnzimmer“ die als Ausgleich für zu enge Wohnungen dienen können, gibt es in Hamburg, Stuttgart und Ulm. Leerstehende Kirchen könnten hierfür genutzt werden. Kurtenbach setzt hierfür auf „neue Kooperationen“ von Verwaltung, Wohnungswirtschaft und anderen Akteuren, die ihre Möglichkeiten „in einen Topf werfen sollen“.

Kritische Stimmen aus dem Publikum wiesen jedoch zurecht darauf hin, dass genau diese „Dritten Orte“ angesichts mangelnder Kommunalfinanzen gerade geschlossen statt ausgeweitet werden. Eine Zuhörerin brachte den immer größer werdenden Flächenverbrauch pro Person in die Diskussion ein und wies auf Ideen hin, diesen „unsichtbaren Wohnraum“ zu heben. Ein Thema, das bereits Daniel Fuhrhop erforscht und auf einer Veranstaltung der MitStadtZentrale beschrieben hat.  

Gemeinschaftliche Wohnprojekte als eine Lösung

Die Szene der gemeinschaftlichen Wohnprojekte hat sich seit vielen Jahren mit diesen Themen beschäftigt und neue genossenschaftliche und solidarische Wohnmodelle entwickelt, die der Boden der Spekulation entziehen, für langfristig bezahlbaren Wohnraum sorgen und wirksam im Quartier werden. Sparsamer Flächenverbrauch pro Kopf, das Teilen von Räumen und Dingen, Flexibilität für das Wechseln von Wohnungen je nach Lebensphase, also sowohl soziale als auch ökologische Nachhaltigkeit, wird von diesen Projekten erfolgreich umgesetzt. In Städten wie München oder Hamburg sind diese Modelle inzwischen ein zahlenmäßig relevanter Faktor in der Wohnraumversorgung. Auf dem privaten Grundstücksmarkt gibt es hierfür leider keine bezahlbaren Grundstücke. Um dieses zukunftsweisende Segment auch in Köln vom Pilotprojekt zur Regel werden zu lassen, braucht es mehr städtische Grundstücke, die im Konzeptverfahren an gemeinschaftliche Wohnbauprojekte im Erbbaurecht vergeben werden. Das ist langfristig für die Bewohner:innen und für die Kommune ein gutes Geschäft!

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